Eine sterbende Sprache?

New York – Schon seit langer Zeit ist die Stadt bekannt für ihre kulturelle Vielfalt, denn die Bürger von New York City sprechen zusammen um die 800 Sprachen. Während Englisch, Spanisch und Chinesisch die meist gesprochenen Sprachen sind, weist die Kulturmetropole auch darüber hinaus eine bunte Mischung an Nationalitäten, Kulturen und Akzenten auf. Und auf den Straßen von Brooklyn ist der berüchtigte New Yorker Akzent nicht zu überhören. Doch wenn man genau hinhört kann man erkennen, wie die vollblütigen Amerikaner Wörter wie „Schmutz“ oder „verklemmt“ in ihre sonst englischen Sätze einbauen.

Vielleicht fragt sich nun der eine oder andere Tourist, warum diese Amerikaner deutsche Wörter benutzen?

In Amerika nennt man es „Yinglish“, denn die dem Deutschen ähnlichen Begriffe stammen aus dem Jiddischen und die Wurzeln dieser Sprache gehen bis ins 9. Jahrhundert zurück. 

Die Geschichte der alten Sprache beginnt in Deutschland, wo sich französische und italienische Juden niederließen und begannen, Deutsch zu lernen. Sie kombinierten den deutschen Wortschatz und die Grammatik mit einzelnen Begriffen aus ihren Muttersprachen und den Sprachen, welche sie aus religiösen Schriften kannten, dem Hebräischen und Aramäischen. Daraus ergab sich ein deutscher Dialekt, welcher in jüdischen Kreisen gesprochen wurde und sich bald zu einer eigenen Sprache entwickelte. Diese wurde nicht mit lateinischen Buchstaben, sondern nach dem hebräischen Alphabet geschrieben. Als die Juden im 13. Jahrhundert Deutschland wegen Verfolgung verlassen mussten, gelangte die Sprache nach Osteuropa und wurde dort von den slawischen Sprachen beeinflusst. 

Die Sprache, welche nach dem deutschen Wort „jüdisch“ Jiddisch genannt wurde, vereinte Ashkenazi (Bezeichnung für europäische Juden) in ganz Europa.

Im 20. Jahrhundert vertrieb der Nationalsozialismus Tausende von Juden aus Europa. Viele von ihnen fanden sich in Amerika wieder und bildeten dort neue Gemeinden. Die wohl bekannteste von ihnen ist die „Satmar“ Gemeinde in Williamsburg, New York. 

Diese Gemeinde sah den Holocaust als eine Bestrafung von Gott, dafür, dass sie ihre Religion nicht streng genug auslebten und gründeten eine ultraorthodoxe Gemeinde mitten in Brooklyn. Noch heute können sie an ihren langen schwarzen Mänteln und großen Hüten erkannt werden. Sie kehrten sich ab von der Außenwelt und entwickelten ihre eigene Kultur, welche es ihnen erlaubte, auch heute noch fast ausschließlich Jiddisch zu sprechen. 

Die Juden, welche sich in die amerikanische Gesellschaft integrierten, übernahmen die englische Sprache, behielten jedoch einige Begriffe aus dem Jiddischen bei. Die New Yorker Juden, welche heute 13% der Bevölkerung ausmachen, brachten die jüdische Sprache in amerikanische Kreise, wo sie bald in die Umgangssprache überging und auch von nichtjüdischen New Yorkern gesprochen wird. Heute sind jiddische Begriffe sogar in Fernsehsendungen wie „Seinfeld“ und „Gilmore Girls“ wiederzufinden. 

Doch die Sprache, welche für viele Jahrhunderte Juden in ganz Europa verbunden hat, treibt nun einen Keil zwischen die liberalen und die orthodoxen Juden in Amerika. Jüdische Familien sprechen sie immer weniger und die orthodoxen Gemeinden haben der Sprache ihren Stempel aufgesetzt. 

Die exklusive Nutzung durch orthodoxe Juden entfernt sekuläre Juden in Gedanken von ihrer ehemaligen Muttersprache. Während sie damals von vielen als willkommend und vertraut empfunden wurde, wirkt sie nun oft eher streng und konservativ. 

Dies führte dazu, dass Wissenschaftler schätzen, dass die Sprache im nächsten Jahrhundert ausgestorben sein wird, mit jährlich bis zu 1000 Menschen weniger, die sie sprechen.

Doch dies sind keine Neuigkeiten für die, welche den Verlauf der jiddischen Geschichte verfolgen. Die Sprache ist bereits seit den 30‘er Jahren gefährdet, als ein Großteil der Jiddisch-sprechenden Menschen im Holocaust getötet wurde.

Daraufhin erlitt Jiddisch einen weiteren Rückschlag, als Israel Hebräisch zu seiner Amtssprache ernannte. Und heute spekulieren Sprachwissenschaftler, dass die Sprache im Jahr 3000 ausgestorben sein könnte. 

Es ist schmerzhaft, solch eine traurige Entwicklung mit anzusehen, doch es gibt noch Hoffnung. 

Organisationen auf der ganzen Welt, welche sich darauf spezialisieren, die jüdischen Sprachen und ihre Kultur am Leben zu erhalten, appellieren an junge Menschen, Jiddisch zu lernen und seiner Kultur zu gedenken. Ältere Menschen weltweit geben ihre jiddischen Bücher, Postkarten und Magazine an Museen und Archive weiter, welche sie für die nächste Generation aufbewahren. Das Ziel ist es, ein Bewusstsein für diese reiche und alte Kultur zu erwecken und die Erinnerung an die jiddische Kultur am Leben zu erhalten. 

Zudem wächst die Population der orthodoxen Juden stetig an. In ihrer Mitte wird die Sprache am Leben erhalten. Doch außerhalb des religiösen Kontexts werden nur noch sehr wenige Schriften auf Jiddisch verfasst und trotz jeglicher Anstrengungen sorgen sich Experten um die Zukunft der alten Sprache.

 Wird sie diesen Rückschlag überleben können?

Alles, was wir jetzt tun können, ist es, uns und andere zu informieren, damit die Sprache des Judentum nicht in Vergessenheit gerät.

Für mehr Informationen gehe auf:

www.yivo.org

https://www.welt.de/kultur/article144710120/Warum-man-unbedingt-Jiddisch-lernen-sollte.html